Märchen über das Geld

By hubschrauber

Es war einmal ein Euro, der lag sehr einsam im Fach seiner Geldbörse. Eigentlich komfortabel, aber doch allein. Nur aus dem Nebenfach hörte er manchmal leise schabende Geräusche, wenn die Geldkarten zum Einsatz kamen und dabei vornehm flüsterten. Es dauerte sehr lange, bis sich die Klappe zu seinem Münzfach wieder einmal öffnete, schließlich war er in die bargeldlose Zeit hineingeboren worden.Welche Überraschung! Herein spazierten kleine, fast schon winzige Ebenbilder. Doch bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, daß sie sich sehr wohl vom großen schweren Euro unterschieden. Jedes der Kleinen hatte seinen besonderen, wenn auch geringeren Wert und nahm eine wichtige Stellung ein.

Der Euro entschied sich schnell, mit den Kleinen gut auszukommen, schließlich waren sie gemeinsam auch viel wert, sozusagen eine ideale Ergänzung. Doch wie sollte er sie nennen? „Kleine Euro“ kam nicht in Frage, schließlich war er selbst groß und stark, unmöglich seine Stärke »klein« zu nennen. Wohlig wurde ihm ums Herz, als er die beste seiner Ideen hatte. Der Name für seine Wegbegleiter stand fest, er taufte sie Eurinchen!

Alle freuten sich herzlich über die weise Entscheidung, bis sie eines Tages ein Gerücht flüstern hörten. Eine der Kreditkarten hatte wohl am Zeitungsstand Gelegenheit gefunden, Neues zu erfahren. Ob es wirklich stimmte? Keiner wußte es, aber allen wurde bange. Es hieße Abschied zu nehmen vom Kosenamen der Kleinen. Adieu Eurinchen, Bonjour Centime.

Wie wird die Geschichte weitergehen? Obwohl wir es heute noch nicht wissen, freuen wir uns auf die Fortsetzung der Märchenstunde nach den nächsten deutsch-französischen Plaudereien.

Au revoir chez Rosemarie.

Beitrag zur internationalen Währungsdiskussion nach der Einführung des Euro, ursprünglich verfaßt am Dienstag, 5. Januar 1999 22:28:00.

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4 Antworten zu „Märchen über das Geld“

  1. spessart sagt:

    Ganz phantasielos ist man auch im Spessart nicht. Ich lachte Tränen, als ich kurz nach Einführung der Euronen den Ausdruck „Europfennig“ an der Kasse eines Supermarkts hörte.

  2. hoense sagt:

    Hatte mir extra ein Blog hier eingerichtet, um dich zu besuchen und dir auch eine Nachricht geschickt. Hast du sie denn nicht bekommen?

  3. hubschrauber sagt:

    Mach Dir wegen mir keinen Streß, komm’ einfach persönlich auf einen Besuch vorbei.

  4. shortstoryexchange sagt:

    Hallo Rosemarie,

    ein schönes Märchen, dass dir da durch Kopf und Hand geflossen ist. Zwar wirken denkende Münzen generell eher verstörend auf mich (Geld überhaupt!), aber wer es schafft, der größten aller Banalitäten ein derart Sympathie erhaschendes Gesicht zu geben, sieht die Welt definitiv mit anderen Augen. Und unterschiedliche Perspektiven kann man bekanntlich nicht genug haben.

    Liebe Grüße,
    Markus

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